„Wer die Zukunft positiv gestalten will, muss sich der Vergangenheit erinnern und daraus eine besondere Verantwortung ableiten. Toleranz und Menschlichkeit finden ihren Ausdruck dort, wo die Verständigung zwischen Menschen aktiv gelebt wird.“ 

Dr. h. c. Manfred Lautenschläger

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Jahresbericht 2016

Vergangenheit & Verantwortung

Ein Anliegen der Stiftung ist die Erinnerung an im Dritten Reich geschehenes Unrecht. Ohne eine solche Erinnerung und Aufarbeitung kann schwerlich ein demokratisches Selbstverständnis entwickelt, gepflegt und erhalten werden. Wichtig ist hierbei ein moralisches, rechtliches und politisches Anerkenntnis der Opfer.

Es gibt jedoch immer weniger Zeitzeugen, die aus ihren eigenen Erfahrungen berichten können.  Zudem besteht für einen Großteil der in Deutschland lebenden Menschen, der die national-sozialistische Zeit nicht erlebt hat, die Notwendigkeit, einen Zugang zur Vergangenheit zu finden, der nicht aus selbst Erlebtem resultiert.

Eine besondere Verantwortung sieht der Stifter Manfred Lautenschläger daher darin, die Erinnerung an geschehenes Unrecht und die im Dritten Reich verfolgten Minderheiten aufrecht zu erhalten.

Gemäß diesen Leitgedanken fördert die Stiftung Projekte, die in besonderer Weise die deutsche Vergangenheit bezüglich des Umgangs mit Sinti und Roma sowie mit Juden thematisieren und gegen das Vergessen wirken. Die Projekte sollten entweder einen lokalen Bezug haben oder deutschland- beziehungsweise europaweite Ausstrahlungskraft besitzen.

Dokumentations- und Kulturzentrum

Sinti und Roma leben seit über sechshundert Jahren im deutschen Sprachraum. In Deutschland sind sie seit 1998 als nationale Minderheit anerkannt. Gleichwohl war die Geschichte von Sinti und Roma in Deutschland und in Europa oftmals eine Geschichte von Ausgrenzung und Verfolgung. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung unterstützt die Selbstorganisationen der Sinti und Roma, um die gesellschaftliche Teilhabe der Minderheit vor allem in den Bereichen Erinnerung, Kultur und Bildung zu fördern.

Im Gespräch zu "Elses Geschichte" (eines der Projekte) - im Bild Autor Michail Krausnick, Romani Rose, Dr. h. c. Manfred Lautenschläger und Illustrator Lukas Ruegenberg

Die Manfred Lautenschläger-Stiftung unterstützt das Dokumentations- und Kulturzentrum und den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, die ihren Sitz in Heidelberg haben, in unterschiedlichen Bereichen. Beide Institutionen stehen für eine erfolgreiche Minderheitenvertretung und haben Modellcharakter weit über die Bundesrepublik hinaus.

Wenn auch einige der in diesem Zusammenhang geförderten Projekte zukunftsgerichtet sind, werden der Übersichtlichkeit zu liebe alle Projekte an dieser Stelle zusammengefasst. Ferner sind hier nicht alle Projekte, die die Stiftung bisher mit dem Zentralrat beziehungsweise dem Dokumentations- und Kulturzentrum gemeinsam durchgeführt hat, hier angeführt, es handelt sich vielmehr um eine Auswahl.

Eine wichtige Aufgabe ist die Erinnerung an die Opfer des nationalsozialistischen Völkermords an den Sinti und Roma, von dem nahezu jede Familie existenziell betroffen war. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung förderte unter anderem die ständige Ausstellung über dieses Verbrechen im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau, die vom Heidelberger Zentrum realisiert wurde. Seit ihrer Eröffnung im Jahr 2001 haben viele Hunderttausend Menschen aus aller Welt die Ausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz besucht. Außerdem  konnte darüber hinaus eine inhaltlich erweitere Version dieser Ausstellung im Hauptquartier der Vereinigten Nationen in New York präsentiert werden. Gefördert wurde außerdem ein Ausstellungskatalog, der inzwischen in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und international als Standardwerk gilt. Schließlich hat die Stiftung ein Forschungsprojekt über den Völkermord an den sowjetischen Roma unter deutscher Besatzung unterstützt, dessen Ergebnisse als Buch und im Internet veröffentlicht wurden.

Ein weiterer wichtiger Förderbereich ist die Vermittlung des Wissens über die Geschichte der Sinti und Roma, insbesondere den Völkermord im NS-Staat, an die junge Generation. Beispielhaft ist das im renommierten Sauerländer- Verlag 2007 erschienene Jugendbuch „Elses Geschichte“, geschrieben von Michail Krausnick und illustriert von dem Benediktinermönch Lukas Ruegenberg. Grundlage ist die Biografie eines achtjährigen Sinti-Mädchens, das eines Morgens aus ihrer Hamburger Pflegefamilie abgeholt und in einen Deportationszug nach Auschwitz verfrachtet wurde. Der „Deutschlandfunk“ wählte „Elses Geschichte“ auf Platz eins der „besten sieben Bücher für junge Leser“. Mit Hilfe der Stiftung konnte eine dramatisierte Fassung im März 2012 im Heidelberger Kinder- und Jugendtheater seine Premiere feiern. Die sehr erfolgreiche Produktion gastierte auch im Berliner Grips-Theater und sogar in Seoul. 

Ein weiterer Förderschwerpunkt betrifft Kunst und Kultur. Mit der Unterstützung durch die Manfred Lautenschläger-Stiftung wurde eine Werkschau von Otto Pankok unter dem Titel „Sinti-Porträts 1931 bis 1949“ im Heidelberger Zentrum und später in Berlin präsentiert. Pankok (1893–1966), ein Hauptvertreter des expressiven Realismus, war im NS-Staat als „entarteter“ Künstler verfemt. Die meisten Düsseldorfer Sinti, die Pankok auf Kohlezeichnungen oder in Holzschnitten festgehalten hat, fielen dem Völkermord zum Opfer. Zur Berliner Schau erschien 2008 ein umfassender Katalog. 

Einen besonderen Stellenwert nimmt die Musikkultur der Sinti und Roma ein. Die Manfred Lautenschläger-Stiftung fördert unter anderem die „Roma und Sinti Philharmoniker“ unter Leitung des Dirigenten Riccardo M Sahiti. Sein Ziel ist es, den vielfältigen Einfluss der Sinti und Roma auf die europäische Musikgeschichte bewusst zu machen und vor allem in mitreißenden Konzerten zu Gehör zu bringen. 

Beim Heidelberger Frühling 2011 bildete die Musikkultur der Sinti und Roma einen thematischen Schwerpunkt: unter anderem konnte das berühmte „Budapest Gypsy Symphony Orchestra“ hier gastieren.

Die Stiftung förderte außerdem, dass mit Miguel Vargas einer der weltweit besten Flamencotänzer im Oktober 2012 im ausverkauften Heidelberger Opernzelt auftreten konnte. Sein Programm unter dem Titel „Ritmos con Alma“ war eine Hommage an die Geschichte des Flamenco. Unvergesslich ist auch das Konzert, dass der bekannte Gitarrist und Komponist Ferenc Snétberger anlässlich der Einweihung des nationalen Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma im Berliner Allianz Forum gegeben hat. Dabei konnten hochtalentierte Nachwuchsmusiker ihr Können demonstrieren.

Jüdische Gemeinde und Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

Heidelberg verfügt über eine aktive jüdische Gemeinde. Neben einer Synagoge gibt es in hier die Hochschule für Jüdische Studien. Beide Institutionen arbeiten beispielhaft für die deutsch-jüdische Kommunikation und erhielten schon Unterstützung durch die Manfred Lautenschläger-Stiftung. Unter anderem spendete die Stiftung der Heidelberger Synagoge eine Thora-Rolle zur Eröffnung. Die Hochschule für Jüdische Studien, die Manfred Lautenschläger zum Ehrensenator ernannte, erhielt beispielweise Unterstützung für den Bau des Hoftraktes beim Neubau des Institutes, außerdem gab es 2009 das Manfred Lautenschläger-Stipendium für deutsch-jüdische Beziehungsgeschichte.

Mahnmal für die aus Heidelberg deportierten Juden

Im Jahr 2014 wird in Heidelberg ein Mahnmal für die 1940 aus Heidelberg deportierten Juden eröffnet. Gestaltet ist das Mahnmal von Bildhauer Grégory Boiteuxs nach dem Entwurf einer Heidelberger Schülerin. Die Herstellungskosten für den Gedenkstein finanziert die Manfred Lautenschläger-Stiftung, die Mittel für die Einbindung des Mahnmals in die Neugestaltung der Schwanenteichanlage trägt der Gemeinderat.

Das Mahnmal in der Schwanenteichanlage

2010 nahmen 60 Heidelberger Zehntklässler an einem Schulprojekt namens „Damit Erinnerung Gestalt gewinnt“ teil und entwarfen in dem fünf Monate dauernden Projekt auch auf Grundlage von Diskussionen mit dem Lagerzeugen Kurt Meier rund 50 Entwürfe, wie ein Mahnmal für die aus Heidelberg deportierten Juden aussehen könnte.

Gewonnen hat den Wettbewerb schließlich eine Idee von der Elisabeth-von-Thadden-Schülerin Anna-Sophia Weßling. Das kubusförmige Mahnmal wird am ehemaligen Bahnsteig 1a an der Schwanenteichanlage in der Innenstadt Heidelbergs errichtet.

Der Gedenkstein wird ein Kubus, auf dessen Oberfläche und Innenseite Gleise zu sehen sind, die den Weg symbolisieren sollen, über den Heidelberger Juden am 22. Oktober 1940 in Sonderzügen aus ihrer Heimat abtransportiert wurden.

Grégory Boiteuxs, ein Heidelberger Bildhauer, wird diese monolithische Skulptur aus Odenwälder Granit fertigen, Landschaftsarchitekt Wolfgang Roth wird den „Ort der Erinnerung“ im Zuge der gesamten Umgestaltung des Schwanenteiches gestalten. Die würfelförmige Skulptur hat eine Kantenlänge von 1,40m und wird von zwei parallel verlaufenden Schienen eingebunden, die der Länge eines Waggons des damaligen Sonderzuges haben.

Konzert Gedächtnis Buchenwald

Zum Abschluss ihrer Zeit als Kunstfest-Chefin in Weimar eröffnete Nike Wagner traditionsgemäß das Weimarer Kunstfest, das 2013 ganz im Zeichen des 200. Geburtstages Richard Wagners stand, mit dem Konzert „Gedächtnis Buchenwald“. Diese Konzertreihe, die von Nike Wagner etabliert wurde, erinnert an die 56.000 Toten des Konzentrationslagers Buchenwald, aber auch alle übrigen Opfer des Dritten Reiches. Es handelte sich um das zehnte und letzte Konzert dieser Art.

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They call me Jekish

„They call me Jekish“ ist ein Theaterstück, das die sogenannten “Jekish” thematisiert und in Heidelberg 2011 aufgeführt wurde. Als „Yekish“  wurden jene Juden bezeichnet, die aus Deutschland nach Palästina auswanderten und dort selbst bei großer Hitze das Haus nicht ohne Jacke verließen.  Basierend auf persönlichen Geschichten erzählt „They call me Jekisch“ von Menschen, die seit vier Generationen zwischen zwei Welten leben.

Aus Deutschland vertrieben, gingen die meisten in Deutschland lebenden Juden nicht aus zionistischen Gründen ins Heilige Land – es ging vielmehr ums Überleben. Aufgewachsen in Deutschland, hatten sie häufig Schwierigkeiten mit der fremden Kultur und Sprache und dem ungewohnte Klima. Noch heute bezeichnen sich viele Israelis als „Jecke“, wenn sie nach ihren Wurzeln gefragt werden.

Regisseuren Nina Gühlstorff und Dramaturgin Nina Steinhilber haben im Jahr 2009 in Zusammenarbeit mit vier Schauspielern aus Tel Aviv und Heidelberg mit nahezu 50 Familien gesprochen, deren Wurzeln in Deutschland liegen. Auszüge dieser Interviews dienten als textliche Grundlage für das Theaterstück, zentral sind hierbei die persönlichen Geschichten der Interviewten.

Die Geschichten sind berührende, witzige, mutige und überraschende Berichte von einem Leben zwischen zwei Welten: Von Großeltern, die die Sprache ihrer Enkel nicht sprechen. Von der Ankunft in der Fremde und den Schwierigkeiten sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden. Von Wüstensand, Vorurteilen, kulturellen Gegensätzen und deutscher Erziehung. Von Heimweh und verschütteter Erinnerung. Von den inneren Widerständen, in ein Land zu reisen, aus dem die Großeltern fliehen mussten und dem Stolz auf eine Kultur, die auch die Enkel geprägt hat. Von Schweigen, Verlust, Wut und Hoffnung. Vom Blick zurück - und nach vorn in die noch ungewisse Zukunft einer vielleicht nie wirklich „normalen Beziehung“. Die Interview-Sprachen Englisch, Deutsch und Hebräisch wurden auf die Bühne übernommen und erzählen von einem Leben zwischen zwei Welten, zu dem es auch gehört, dass die Generationen einer Familie nicht dieselbe Sprache sprechen.

Zigeunerboxer

Basierend auf der Geschichte des Sinto Johann „Rukeli“ Trollmann, Deutscher Meister im Halbschwergewicht 1933, erzählt der „Zigeunerboxer“ von einer Freundschaft, die in dieser Form im Dritten Reich nicht hätte bestehen dürfen, und dennoch bis über den Tod hinaus bestand. Das Stück von Rike Reiniger erhielt 2011 beim Heidelberger Stückemarkt den vom Publikum bestimmten „Preis des Freundeskreises“.

„Hans will vergessen. Vergessen, wie er seinen Freund Ruki kennengelernt hat, als dieser ihm in der Kindheit einen Apfel schenkte. Vergessen, wie Ruki ihn damals als Jugendlicher zum Boxen brachte und als junger Mann - als "Zigeunerboxer" - zunehmend von den Nationalsozialisten am Boxen gehindert wurde. Vergessen, wie sie sich im Arbeitslager wiederbegegneten; wie sie dort zur Belustigung der Wachmänner gegeneinander kämpfen mussten; wie Ruki einen SS-Mann niederschlug und Hans ihn deshalb erschießen musste. Die Erinnerung ist ein Raubtier, eine Würgeschlange. Doch Hans kann sie nicht loswerden. Die Erinnerung ist er selbst.“ » www.theatertexte.de

Angelehnt an die Biographie des im KZ Wittenberge ermordeten Sinto Johann Trollmann, dessen Meisterschaftstitel von 1933 aufgrund seiner „undeutschen“ Art zu boxen innerhalb von einer Woche aberkannt wurde, erzählt das Stück von Trollmanns Wiedersehen mit seinem Kumpel Hans im Konzentrationslager.

Zu den bewegten Zuschauern der Uraufführung gehört Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Für ihn zeigt das Theaterstück beispielhaft das Schicksal eines Menschen, der von den Nazis verfolgt wurde.